Bibliotheksgespräch: Onkel Ali & Co.

Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

Hallo, mein Name ist Jantje Bruns, ich leite seit 2008 gemeinsam mit meiner Kollegin Elisabeth Quenstedt die Bibliothek im Museum für Völkerkunde. 

Ein Freund hat vor Jahren zu mir gesagt: „Jeder hat etwas Interessantes zu erzählen, Du musst nur die richtigen Fragen stellen.“ Manchmal denke ich, man muss überhaupt Fragen stellen. Genau das haben die Autoren unseres Bibliotheksgesprächs am 10. Mai getan. Ich finde das Journalistenehepaar Bertram hat auch noch den richtigen Menschen Fragen gestellt.

Helga_u

Worum geht es? Es geht um das Buch „Onkel Ali & Co.“. Jürgen und Helga Bertram haben ihre Nachbarn mit Migrationshintergrund in der Gustav-Falke Straße in Hamburg interviewt und nach ihren Lebensgeschichten befragt. Es geht um Menschen, die Grenzen und Kulturen überschritten haben, die nach Deutschland gekommen sind und deren Leben von diesem Mut geprägt wurde. Der Anlass für die Idee das Buch „Onkel Ali & Co“ zu schreiben waren die umstrittenen Thesen von Thilo Sarrazin: „Es war nicht unsere Absicht“, so die Autoren, „Probleme zu beschönigen. Aber wir wollten deutlich machen, dass Viertel wie Eimsbüttel oder Ottensen ohne den Beitrag dieser Menschen um einiges ärmer wären. Und wir sind überzeugt davon, dass dies für die gesamte Gesellschaft gilt“. Hören Sie gemeinsam mit uns die Fragen der Bertrams und die Antworten ihrer Nachbarn. Hören Sie wahnsinnig mutige und manchmal abenteuerliche Lebensgeschichten mitten aus unserer Gesellschaft.

P.S.: Übrigens, eine Tradition des Bibliotheksgesprächs ist es, dass ein landestypisches Gebäck zum jeweiligen Thema des Abends serviert wird. Aber was kann das sein, bei einer so kunterbunten Gesellschaft, von der wir hören werden? Lassen Sie sich überraschen! Es wird köstlich, spannend und es wird anregende Gespräche geben mit den Autoren und hoffentlich auch gemeinsam mit Ihnen!

Die Bibliothek ist von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 13.00 – 18.00 Uhr geöffnet.

Aufgrund der begrenzten Platzkapazität bitten wir Sie, sich rechtzeitig anzumelden: bibliothek@mvhamburg.de

Veranstaltung: Ameisenmatten aus dem Amazonas-Tiefland

Hallo,

mein Name ist Christine Chávez und ich bin die Leiterin der Amerika-Abteilung im Museum.

 Es ist schon immer wieder erstaunlich, auf welche Dinge man in einem Museumsarchiv so stößt! In diesem Fall waren es Insekten, die sich an Museumsobjekten befanden. Normalerweise löst ein solcher Befund bei Museumsleuten Entsetzen und Panikattacken aus, handelt es sich dabei doch meist um äußerst unerwünschte Gäste, wie etwa Motten, die in einem Museum nun wirklich gar nichts zu suchen haben.

In diesem Fall hatte ich es jedoch mit Wespen und ziemlich großen Ameisen zu tun, die glücklicherweise alle nicht mehr lebten. Die Insekten lagen auch nicht nur einfach so herum, sondern waren in die Objekte „eingewebt“! Bei besagten Objekten handelt es sich um Matten aus Pflanzenfasern. Sie haben die Form eines Tieres oder tierähnlichen Wesens und sind sehr kunstvoll mit bunten Federn verziert.

Ameisenmatte_aparai-wayana_klein

Ameisenmatte der Aparai-Wayana-Indianer

Als ich die Ameisen- und Wespenmatten während unserer Inventur im Archiv entdeckte, fiel mir wieder ein, dass ich ähnliche Matten bei einem Ausstellungsprojekt zu Studienzeiten schon einmal in Händen gehalten hatte. Solche Gegenstände stellen nur die Aparai-Wayana, ein Indianervolk aus dem nordöstlichen Amazonas-Tiefland, her. Mein Interesse war neu geweckt und da traf es sich gut, dass ich just zu einer Tagung über die Kultur der Aparai-Wayana eingeladen wurde.

Die erneute Beschäftigung mit diesen faszinierenden Stücken und auch die Gespräche auf der Tagung - unter anderem. mit einem Wayana, der extra aus Französisch-Guayana angereist war – brachten mir viele neue Erkenntnisse: Zum Beispiel, was der Gelbrücken-Stirnvogel mit den Wespenmatten zu tun hat und ob diese Gegenstände auch heute noch verwendet werden.

Aber wofür werden sie denn nun verwendet? Dieses Rätsel werde ich am Donnerstag, 03.05.2012 um 18.30 Uhr im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Ausgepackt!“ hier im Museum für Völkerkunde lüften. Neugierig geworden? Dann einfach vorbeischauen!

Soviel sei verraten: Die „Anwendung“ dieser Matten erfordert viel Mut und Tapferkeit…

 

 

Schatzkammer: Die Crux der Kataloge

Ein Kunde. Ich bin prinzipiell immer FÜR Kunden, weil sie meinen Berufsstand ermöglichen.

Dieser spezielle Kunde sorgte allerdings dafür, dass ich am liebsten das komplette Museum geschlossen hätte. Ein Kunde ist ein Kunde ist ein Gast.  Kein König. Und Buchhändler, Kellner und Museumsmitarbeiter sind nicht dazu da, sich von Gästen beleidigen zu lassen.

„Ich war vor 40 Jahren zuletzt hier – haben Sie denn gar keinen Katalog?!“

„Doch, zu den jeweiligen Ausstellungen und zur Geschichte des Hauses.“

„Das interessiert mich nicht, ich will wissen, was hier gezeigt wird. Haben Sie Japaner?“

„Nein, heute haben wir keine Japaner. Welche Ausstellung interessiert Sie denn besonders?“

„Wieviele Galerien haben Sie denn hier?! Ich WILL einen Katalog dazu. Ich habe hier nur den Lageplan, der nützt mir ja nichts, wenn ich wissen will, was hier drin ist!“

…nun ja…in einem Lageplan stehen Dinge wie „Schätze der Anden“, „Alt-Ägypten“, „Herz der Maya“ oder „Indianer Nordamerikas“. Möglicherweise sind in diesen Wörtern Hinweise auf die Ausstellungen versteckt.

Ich starte die Flucht nach vorn. Kunde will Katalog?! Kunde kriegt Katalog (Achtung! In dem Wort „kriegt“ steckt KRIEG mit drin!).

„Hier haben wir zum Beispiel unseren Katalog zum „Herz der Maya“. Die Publikation zu einer unserer aktuellen Ausstellungen. Oder dieser hier, zu den Textilien der Mayas…..

Kunde unterbricht Buchhändlerin.

„Ich WILL was zur Geschichte! Haben Sie denn garnichts zur Geschichte?! Ich will Ihre dämlichen Ladenhüter nicht! Ich will nicht so teures Zeug!“

Ich weise den Herrn höflich, aber sehr bestimmt darauf hin, dass ich ihm noch keinen Preis genannt habe. Und der geschmähte meisterhafte Katalog tut mir sehr leid.

„Ach, ich kenne das doch! Teure Ladenhüter bietet man immer zuerst an!“

Sprach es und griff sich ein Buch über die Prophezeihungen der Mayas.

„Hier! Sowas will ich! Was ist das denn?!“

Hm. Soll ich darauf hinweisen, dass er bereits „Ich will das“ gesagt hat, bevor er gefragt hat, was es ist? Nein. Vielleicht kommt er aus einem Kulturkreis, wo man die Braut auch erst nach der Hochzeit kennenlernt.

„Das ist ein Buch über die Prophezeiungen der Mayas.“

„Was kostet das?“

„10 Euro.“

„So teuer?! Warum ist das so teuer?! Kann man das in Raten zahlen?“

„Nun, der Preis rechtfertigt sich allein dadurch, dass es von Mayas geschrieben, gedruckt und übersetzt wurde – viel authentischer geht es kaum.“

„Ach so. Ich nehme das. Steht das denn auch hier irgendwo drin, was Sie da sagen? Ich meine, Sie können einem ja viel erzählen!“

Ja, in der Tat, das kann ich. Deshalb habe ich den Herrn auch gebeten, sein Buch zu bezahlen, bevor er, wutschnaubend ob der grenzenlosen Enttäuschung eine „sich einnistende überflüssige Buchhandlung“ statt eines Museums besucht zu haben, das Haus verlässt.

„Sie dürfen das Buch noch bezahlen, bevor Sie es mitnehmen, bitte.“

„Ach, ich dachte, ich kann das Anschreiben lassen. In der Nachkriegszeit konnte man noch alles anschreiben lassen.“

Bei freundlichen Kunden hätte ich jetzt in Frage gestellt, dass die die Nachkriegszeit erlebt haben. Ich hätte so etwas gesagt wie: „Na, da waren Sie ja noch nicht geboren, woher wollen Sie das denn noch wissen?“. Hier mache ich das nicht. Und nein, man kann nicht anschreiben lassen.

RAURU: Es geht los – Auftakt zur Umgestaltung des Ausstellungssaals

Hallo, ich bin Sarah Syed, seit 2010 Volontärin im Museum und arbeite momentan mit im Ausstellungsteam zur geplanten Maori-Ausstellung, die im Oktober eröffnet wird.

Was geht hier vor sich im Maori-Haus?

Blogfoto_rauru-400

Am 7. Oktober wird es soweit sein. Dann öffnet das Maori-Haus aus Neuseeland erneut seine Türen und präsentiert sich ganz neu. Das Haus hat einen eigenen Namen, es wird RAURU genannt, ist ein wunderschönes, kunstvolles Versammlungshaus, über und über mit Schnitzwerk verziert und damit eines der wichtigsten Ausstellungsstücke im Museum. Dieser Schatz liegt ein wenig versteckt und als Besucher muss man auch den letzten Museumswinkel erforschen, um ihn zu entdecken. Das soll sich in Zukunft ändern denn es gilt den Schatz ans Tageslicht zu befördern und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Dafür werden einige Baumaßnahmen nötig sein. Momentan sind wir damit beschäftigt störendes Beiwerk wie tief hängende Decken oder Treppenaufgänge zu entfernen. Bald sollen auch Fenster freigelegt werden, so dass endlich wieder Tageslicht in den Raum fällt.

Und dann?

Damit sind wir noch lange nicht am Ziel unserer Bemühungen. Im Sommer wird das Dach von RAURU neu gedeckt werden, wofür extra Restauratoren aus Neuseeland kommen werden, um sich der Arbeiten anzunehmen.

Auf Neuseeland wird schon das Baumaterial für das neue Dach geerntet

Außerdem erzählt das Haus spannende Geschichten, die in den Schnitzwerken dargestellt sind. Die kunstvollen Arbeiten sind den Göttern und Ahnen gewidmet, die auf diese Weise in den Wänden des Hauses verewigt sind. Auch die Geschichte des Hauses selbst - sein Bau, die viele Tage dauernde Einweihung, der Weg nach Hamburg – ist äußerst interessant. All dies möchten wir natürlich auch weitergeben. Ab Oktober werden diese Geschichten nachzulesen sein und einzelne Wandteile erklärt werden. Jeder für sich kann dann auf Entdeckungsreise gehen und mehr über die Maori, ihre Schnitzkunst, ihre Kultur, ihr Leben und vor allem über das Meisterwerk RAURU erfahren.

Was bedeutet eigentlich RAURU?

Das Haus trägt den Namen RAURU  denn die in der Maori-Kultur sehr bedeutenden Versammlungshäuser erhielten stets einen Namen, und zwar in der Regel den eines wichtigen Ahnen. RAURU  lebte vor über 600 Jahren und gilt zusammen mit zwei weiteren Vorfahren, Rongo und Rua als Vater der Schnitzkunst. Die Frage müsste also eigentlich lauten: Wer ist RAURU? Das Haus symbolisiert einen Menschen mit Armen und Händen (Seitenteile des Dachs), einem Rückrad (Dachfirst) und einem Gesicht (Maske auf Dachspitze).

Schatzkammer: Herzig

Heute wird es herzig im Blog.

Ich kann mich ja nicht immer darüber auslassen, dass ich leider kein botanisches Kristallkarten-Set im Sortiment habe. Traurig? Ja, ich auch. Aber ich habe doch ansatzweise einen Sinn für Realität entwickelt. Nein, das ist kein Fremdwort.

Meine Realität in den letzten Tagen bekam einen ganz entzückenden Zuwachs. Büchermenschen sind ja prinzipiell schon mal toll, weil sie mehr Freunde haben als Nichtleser. Ich bin nämlich ganz sicher, dass die Freundschaft z.B. zu Hadschi Halef Omar intensiver ist, wenn man ihn erlesen hat, als wenn man „nur“ den Film gesehen hat.

Zwei etwas betagtere Büchermenschen spazierten im Museum, im Restaurant und im Laden herum. Sie setzten Lesebrillen auf und freuten sich von Buch zu Buch. Schließlich entschieden sie sich für eine 2,3kg schwere Literatur aus unserem Antiquariats-Korb: „6000 Jahre Geschichte“ ein Wälzer mit einer Menge Buchstaben und Bildern darin. Die beiden, durch Händchenhalten unverkennbar als Paar erkenntlich, trabten also mit dem Buch zur Kasse.

Er: „Was meinen Sie, wenn wir das kaufen, können wir das dann später bei Ihnen abholen? Rumschleppen ist anstrengend.“ 

Ich: „Gerne. Wer schleppt schon 6000 Jahre mit sich rum.“

Sie: „Na, manchmal fühlt man sich schon so alt.“

Er (guckt sie glücklich an): „Glück hält jung.“

Buchhändlerin schmunzelt begeistert.

Er: „Erkennen Sie mich denn auch wieder, wenn ich das Buch nachher abhole? Gucken Sie, ich habe ein paar graue Haare, daran können Sie sich das merken.“

Sie: „ Dich erkennt man doch immer daran, dass Du der Schönste bist.“

Buchhändlerin guckt herzig, als Er und Sie fröhlich Richtung Inkagalerie weitergehen. Händchen haltend, versteht sich.

Und am Abend werden sie sicher gemeinsam auf dem Sofa sitzen, und in 6000 Jahren Geschichte blättern. Herzig.

Schatzkammer: Ostern im Museum

Man könnte denken, über Ostern ist nichts los in einer Museumsbuchhandlung, weil alle Menschen Ostereier suchen, verstecken und vergessen, wo sie versteckt sind.

Weit gefehlt.

Ostern gibt es eine kleine Gruppe widerspenstiger Buchhändler, die der festen Überzeugung sind, man könnte zu Ostern auch lesen. Gerne mit Schokoladenei – oder Marzipan oder Nougat oder Karamell. Nur aufpassen mit den Flecken!

Diese kleine Gruppe Revolutionäre (1 Buchhändlerin, 1 Mammut, 1 VoodooPuppe namens Trinity) hatte sich über Ostern im Museum verschanzt - und dachte, sie könnten in Ruhe lesen. Buchhändler lesen nämlich gern, was man gar nicht denkt, weil sie ja ständig Bücher gegen Geld eintauschen.

Besagte Buchhändlerin und Anhang machen es sich also im Laden bequem. Mit Kakao und einem „Ich-tue-so-als-würde-ich-arbeiten“-Gesicht. Aber besonders Ostermontag war das wichtig, denn Montags haben Buchhändler ja bekanntlich frei, allerdings nicht, wenn Ostermontag ist. Daher musste extra an das Arbeitsgesicht erinnert werden.

Problem: Es war nicht NICHTS los. Es kamen ständig Menschen vorbei. Und zwar solche, die auf der Suche nach Büchern waren! Die Revolutionäre konnten das anvisierte Buch nicht lesen, den Kakao nicht trinken und das Arbeitsgesicht nicht nur zum Schein machen – sie hatten aufeinmal GANZ VIELE Anhänger! Die österliche Leserevolution im Museum war ein voller Erfolg!

Fazit: Ostereier werden klassisch überbewertet. In der Schatzkammer wurden zur Osterzeit fast ausschließlich kalorienfreie Ostergeschenke verkauft. Solche mit Buchstaben und mit Freunden und manchmal auch mit Mammuts drin.

Veranstaltung: Kinderarbeit in Ecuador

20120412_ecuador_1-400

Liebe Freundinnen und Freunde des Museums für Völkerkunde Hamburg,

liebe Studentinnen und Studenten und liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

mein Name ist Elisabeth Weller. Ich arbeite seit nunmehr einem Jahr in der Bibliothek des Museums für Völkerkunde Hamburg und lade euch alle ganz herzlich zum zweiten Bibliotheksgespräch ein. Am Donnerstag den 12. April um 18.30 Uhr werde ich in diesem Rahmen über meine Feldforschung zu "Kinderarbeit in Ecuador" berichten und freue mich auf spannende Gespräche und Diskussionen.

Hier ein erstes Zitat zur Einstimmung auf den Vortrag:

"Die 12-Jährige Alexandra, die 12-Jährige Frauke, die 10-Jährige Aida und der 11-Jährige Florian haben eines gemeinsam: sie wollen arbeiten. Und zwar gegen Geld. Alexandra, Frauke und Florian sind zufrieden. Sie finden immer wieder Beschäftigungen. Frauke geht z.B. Kellnern, Florian hilft nachmittags auf einem benachbarten Bauernhof aus, während Alexandra sich gern um alte kranke Leute kümmert. Nur die kleine Aida sucht noch verzweifelt nach einer Arbeit. Doch niemand will sie einstellen, denn damit macht sich ein Arbeitgeber strafbar." (gegenlicht 03/2012: http://www.gegenlichtfilm-kaiser.de/aktuell/bin-zehn-suche-arbeit.html)

Was meint ihr? Woher kommen Alexandra, Frauke, Aida und Florian? Zugegeben, die Namen lassen es vielleicht vermuten: aus Deutschland. Silvia Kaiser portraitiert diese Kinder in ihrem Film "Bin zehn, suche Arbeit. Wenn Kinder Geld verdienen" (ZDF/2006) und beschäftigt sich darin mit Kinderarbeit in Deutschland. "ProNATs - Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher" beschreibt den Kontext des Filmes wie folgt:

"Wurde die Abschaffung der Kinderarbeit lange Zeit als soziale Errungenschaft gefeiert, sieht die Realität heute anders aus: Kinderarbeit in Deutschland ist ein Massenphänomen. Weit über die Hälfte aller Kinder tragen Zeitungen aus, Kellnern, betreuen Babys, gehen einkaufen für Alte und Kranke oder jobben sogar am Bau; das haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben. Und noch viel mehr, fast 90 Prozent, würden es gern tun. Dabei ist es in Deutschland per Gesetz erst Jugendlichen ab 15 Jahren erlaubt, durch Arbeit Geld zu verdienen." (ProNATs 03/2012: http://www.pronats.de/materialien/materialhinweise/filme/)

20120412_ecuador_2-400

Mit diesen Zitaten möchte ich verdeutlichen, dass das „Phänomen Kinderarbeit“ nicht, wie häufig angenommen, weit weg von unserer Realität ist. Gleichzeitig möchte ich das pauschal negative Bild, welches dem Schlagwort anhängt, in Frage stellen. Nicht nur die ProtagonistInnen des oben erwähnten ZDF-Films arbeiten gerne oder setzen sich dafür ein, arbeiten zu dürfen. Auch in Quito sind mir Kinder begegnet, die gerne arbeiten.

Der Kindersoziologe Prof. Manfred Liebel ist Mitbegründer von ProNATs und kommt auch im genannten Film zu Wort. Sein Name ist mir außerdem während meiner Recherche in Quito im Kontext von sozialen Bewegungen arbeitender Kinder in Lateinamerika immer wieder begegnet. Erfreulicher Weise kam es nach meiner Rückkehr nach Deutschland zu einem Treffen in Berlin. Im  Auftrag von Cristiano Morsolin, einem italienischen Sozialwissenschaftler, der auch in Quito geforscht hatte, übergab ich Manfred Liebel dessen Studie, und erhielt im Gegenzug ein interessantes und inspirierendes Gespräch. Diese Begegnung symbolisiert für mich die Verbindung unterschiedlichster Lebenswelten und ein gemeinsames Ziel: Solidarität mit arbeitenden Kindern, ihre Anerkennung als soziale Subjekte und die Stärkung ihrer Rechte.

Ich hoffe, dass ihr neugierig geworden seid und wir uns am 12. April um 18.30 Uhr im kleinsten und schönsten Lesesaal der Stadt sehen.

 

Schatzkammer: Ich WILL einen Skarabäus!

Soll man wollen? Oder möchte man dürfen?

„Ich WILL einen Skarabäus!“

Das ist ein denkbar schlechter Gesprächseinstieg. Besonders in der Eltern-Kind-Kommunikation.

Im Kundin-Buchhändlerin-Gespräch liegt die Sache ein bisschen anders. Wenn Menschen Bücher WOLLEN, SOLL eine Buchhändlerin sie nicht aufhalten. Natürlich ist ein „Ich MÖCHTE bitte einen neuen Krimi“ schöner als „Ich WILL ein peruanisches Kochbuch“ oder „Sie DÜRFEN mir ein Zweitbuch verkaufen“.

 „Ich WILL einen Skarabäus!“  kam von einer älteren Dame und stellte mich vor ein Problem.  Wäre es ein Kind gewesen, hätte ich eine Augenbraue fragend hochgezogen und gesagt:

„Was MÖCHTEST Du?“

Kann man ja nicht machen, bei Damen.

Mein Problem war eher, ihrem Wunsch angemessen zu entsprechen. Denn: Die aktuelle Skarabäen-Auswahl unseres Sortiments kommt schon fast einer Käferplage gleich. Abgesehen vom Buch „Der magische Skarabäus“ haben wir aktuell einen geflügelten schwarz goldenen Skarabäus, einen blau-grünen zum an-den-Schlüssel-hängen, einen großen schwarzen mit Hieroglyphen zum Bestaunen und einen gemalten auf Papyrus.

Also frage ich zurück:

„Was für einen möchten Sie denn haben?“

„Ich WILL einen Skarabäus!“

Ja. Das habe ich schon verstanden.

Ich breite die Auswahl aus und gebe erklärendes Buchhändlergesäusel ab.

„Ich WILL einen Skarabäus! So einen mit nem Loch drin!“

Aha. Wir kommen der Sache näher, entfernen uns aber gleichzeitig. Hab ich nämlich nicht. Meine sind alle heil.

„Es tut mir leid, aber ich habe nur diese hier. Darf ich Ihnen einen anderen bestellen?“

„Nein, ich WILL einen Skarabäus. So einen aus Gold. Dann eben nicht!“

Sprach es und ging. Für mein Empfinden war das eine sehr einseitige Kommunikation. Und unbefriedigend dazu. Aber irgendwie bin ich ganz froh, dass ich kein Käferlein in wollende Hände geben musste. Ich SOLL zwar so nicht denken – ist unwirtschaftlich  - aber ich MÖCHTE immer gerne ein achtsames Zuhause für Bücher oder Käfer. Oder Mammuts.

 

Aus der Forschung: Geheimnisvolle Koreanische Seladone

Liebe Leute,

hier ist wieder Susanne Knödel mit Neuigkeiten von der Vorbereitung der Koreaausstellung.

Eigentlich wollte ich mich ja mit den Textilien beschäftigen. Aber weil das so viele sind, habe ich mir zuerst unsere Seladonkeramiken vorgenommen …. Seladon ist eine sanftgrüne Glasur. Oft spielt sie ins gelbliche oder bläuliche. Erfunden wurde sie in China. Im 10. Jahrhundert gelangte diese Glasurtechnik nach Korea. Und die Koreaner brachten sie in 200 Jahren zur Vollendung. Die schönsten Seladone der Welt kommen aus Korea.

Lotusschale und glasierter Boden

Ein gutes Beispiel ist diese Schale. Sie hat einen wunderschönen, leicht bläulichen Grünton (allerdings ist sie nicht ganz so blau wie auf meinem Foto). Die Außenseite der Schale ist mit Lotosblütenblättern geschmückt. Wer die Schale benutzt, trinkt sozusagen aus einer Lotosblüte.

Ich weiß inzwischen, wo die Schale gemacht wurde: In Sadang-ri, den Seladonwerkstätten der koreanischen Könige. Das erkennt man daran, dass die Unterseite komplett mit Glasur überzogen ist. Nur dort, wo sie beim Brennen auf drei kleinen Stützen stand, ist keine Glasur. Das ist typisch für die Keramiken aus Sadang-ri.

Diese Information fand ich in einem sehr nützlichen kleinen Buch: Handbook of Korean Art: Earthenware and Celadon“ von Youngsook Park und Roderick Whitfield. Dort habe ich auch gelesen, dass diese schöne jadegrüne Farbe, die die koreanischen Töpfer seit dem 12. Jahrhundert so perfekt hinkriegen, „Geheimfarbe“ heißt, auf koreanisch „pisaek“ (秘色).  Warum sie wohl so genannt wurde? Weil der Farbton so mysteriös wirkt? Weil das Rezept geheim war? Oder weil nur hochgestellte Persönlichkeiten diese teuren Seladone benutzten, und sie deshalb den normalen Leuten unbekannt blieben? Das will ich in den nächsten Tagen noch herausfinden.

Eine weitere Frage, die ich klären will: Kommt diese Schale tatsächlich aus Korea? Oder doch aus China?

Korea oder China? und schmaler Standring

Mich wundert der olivgrüne Farbton. Den kenne ich von chinesischen Seladonen, aber nicht von koreanischen. Und mich beschäftigt auch, wie kühne der Dekor in den Scherben eingeschnitten ist - vor allem die Rosette im Zentrum. Nach meiner Erinnerung  ist eingeschnittener Dekor in Korea immer sehr fein. An chinesischen Seladonen aus Longquan habe ich aber solche breiten Schnitte schon gesehen. Außerdem kommt der Standring mir merkwürdig vor, er ist ganz schmal und wirkt, als wäre er aus dem weichen Ton herausgekniffen worden… Ich plane, einer Kollegin in London Fotos der Schale zu schicken – vielleicht kann Sie mir weiterhelfen.

Zum Schluss noch ein Rätsel für Euch Blog-Leser: Wozu diente das längliche Gefäß, das ganz rechts unten im Regal steht?  Es wurde im 12. Jahrhundert hergestellt. Hier die Maße: L 45 cm, B 16 cm, H 13 cm.

Foto_5_was_ist_das_blo_whatever_is_this-400
Was ist das bloß?

Wenn ihr am 4. April um 15:00 Uhr zu meiner Veranstaltung „Ausgepackt!“ kommt, könnt ihr diese mysteriöse Seladonwanne aus der Nähe betrachten. Dort löse ich auch das Rätsel, was das ist. Vor einigen Monaten hat der Direktor des National Folk Museum of Korea, Cheon Jing-ji, es mir gesagt. Über meine vergeblichen Versuche, das Ding zu identifizieren, haben wir dabei sehr gelacht.

Wer am Mittwoch nicht kommen kann, erfährt die Auflösung in meinem nächsten Blog. Und wer helfen kann, meine Fragen zu klären – bitte melden!

 

English Version:

Research News: Mysterious Korean Celadons

Hi folks,

I´m Susanne Knödel, back with news about the preparation of our new Korean Exhibition.

I was going to research our textiles, but then I changed my plans since there are so many of them… So I turned to our Celadon ceramics first. Celadon is a softly greyish-green glaze, which often has a yellowish or bluish tint. It was invented in China. The technique was introduced to Korea in the 10th C., and within 200 years, Korean potters brought it to perfection. The most beautiful Celadon ceramics of the world come from Korea.

Lotus bowl and glazed underside

This bowl is a good example. It is a beautiful, slightly bluish shade of green. (admittedly, the glaze is not quite as blue as it looks on my foto). The bowls outside is decorated with lotus petals. So, drinking from the bowl is like drinking from a lotus blossom.

I now know where this bowl was made: In Sadang-ri, the Celadon kilns of the Korean Kings. One can see that when looking at the base of the bowl: It is completely covered in glaze, except three little spots, where the bowl was standing on supports during the firing process. This is typical for Sadang-ri wares.

I got this information from a very useful little book: Handbook of Korean Art: Earthenware and Celadon“, by Youngsook Park and Roderick Whitfield. In the same book, I also read that the lovely jade green colour, which the Korean potters so skilfully achieve since the 12th C., is called “secret colour”, or in Korean „pisaek“ (秘色). I wonder why it was called “secret”? Was it that the tint of the colour was felt to be mysterious? Was the formula a secret? Or was it that only members of the high society were able to afford these Celadon wares, which therefore remained unknown to the broader society? I shall try and find that out in the next days.

Moreover, there is another question I want to clarify: Is this bowl actually Korean? Or is it Chinese?

Korea or China? and narrow footring

What puzzles me is the olive green tint of the glaze. I have seen that in Chinese Celadon wares, but not in Korean ones. I also wonder about the bold cuts with which the decoration was incised into the body – especially the rosette in the middle. As I remember it, incised decorations are quite fine in Korea. But I have seen such broad, bold cuts in Chinese Celadons from Longquan. Last but not least, the footring has a strange form, it is very thin in some places, and pointed as if it had been pinched from the soft clay. …I plan to send some photos to a colleague in London – maybe she can help.

Now here comes a last riddle for you readers of this blog: For which purpose served the oblong vessel that you see at the bottom right in this photo? It was made in the 12th C. The measurements are: L 45 cm, W 16 cm, H 13 cm.

Foto_5_was_ist_das_blo_whatever_is_this-400
Whatever is this?

On April 4th, 3pm is my next lecture in the “Unpacking Asia” – series. If you come, you will see this mysterious vessel from close by – I will bring it along. I will also tell you what it is. Some months ago, the Director of the National Folk Museum of Korea, Cheon Jing-ji, enlightened me during a visit. We had quite a laugh then about my useless trials at identifying this strange container.

For those who cannot come to my lecture, I shall solve the riddle in my next blog. If you can help with any of my questions, please come forward!

 

Schatzkammer: Ostereier zu Weihnachten

Ostermarkt. Der beginnt heute.

Und ich sehe ihm mit ein wenig gemischten Gefühlen entgegen. Ich habe nämlich im letzten Jahr gelernt, dass Besucher/Kunden/Gäste prinzipiell Ostern nicht unbedingt an Österlichem interessiert sind.

Ein Beispiel: Letztes Jahr im Februar haben wir von der Schatzkammer mit viel Mühe, noch mehr Spaß und einer Prise Resignation liebevoll Waren ausgewählt und eingekauft, die wir dann hier zusammen mit der Osterliteratur anbieten wollten. Haben wir auch getan. Darunter waren auch zahlreiche (etwas kitschige) Spieluhren im Fabergé-Stil. Also in Eierform, bunt lackiert und goldglänzend. Wenn man sie öffnete, erklang ein Walzer oder ein Teil vom Schwanensee. Ja, etwas kitschig, hab ich ja schon erwähnt. Aber unzweifelhaft österlich!

Nur: auf dem Ostermarkt 2011 haben wir kein einziges davon verkauft. Dabei waren die sogar kalorienfrei! Und wenn man nach den Melodien tanzt, verbrennt man dabei bestimmt das ein oder andere Marzipan-Ei. Aber – wahrscheinlich zu österlich für den Ostermarkt…reumütig einsichtsvoll haben wir die bunten Glitzereier dann in unsere Vitrinen gestellt. Dort blieben sie….bis zum Christkindlmarkt! Denn die Weihnachtszeit scheint den Auferstehungsgedanken bereits vorausgenommen zu haben – bis auf 2 Eier haben wir alle österlich verschmähten Spieluhren  in der Adventszeit verkauft! Versucht DAS mal mit Schokoladenosterhasen!

Nun ist wieder Ostermarkt. Und bis gestern standen die zwei Resteier auf dem Ostertisch, der inzwischen mit wundervollen neuen Osterwaren und Büchern  bedeckt ist. Und was passiert? Jetzt ist es nur noch 1 rotes goldglitzerndes Spieluhren-Ei! Und die Dame, die das andere erworben hat, fragte doch tatsächlich, ob es davon nicht noch mehr gäbe! Ich sehe es schon kommen, dass ich diese Frage in den nächsten Tagen ständig höre. Denn neue Spieluhren habe ich dieses Jahr natürlich nicht eingekauft, die brauche ich, so dachte ich zumindest, erst Weihnachten wieder. Weil dann Ostereier so beliebt sind.

Von Anna Schatz, Museumsshop Schatzkammer